05
Zur Startseite

Briefbeschwerer - Paperweight - Presse-papiers - Fermacarta

Von Bernd-Ingo Friedrich

In englischer Sprache auf paperweights.kulturpixel.de




Je entwickelter die Künste desto mehr nutzlose Dinge gibt es.
(Chinesisches Sprichwort)


briefbeschwerer kulturpixel lausitz glas


Es sind freilich auch schöne Dinge, die uns die Künste bescheren, und somit sind sie auch wieder nützlich, denn der Mensch lebt ja nicht vom Brot allein. Zu diesen schönen, heute allerdings ein wenig nutzlosen Dingen gehören jene charmanten, unberührbare winzige Welten in sich bergenden Kunstwerke der Glasmacher, die früher, als das geschriebene Wort noch einen hohen Stellenwert in der Kommunikation hatte, einen durchaus wesentlichen Zweck auf dem Schreibtisch erfüllten. Sie verhinderten nämlich, daß die Papiere mit den geschriebenen Worten, und Zahlen, im Winde davon wehten.

Eigentlich erfunden hat diese "Paperweights", zu deutsch "Papiergewichte", niemand. Der Külbel, so nennt man das Stück Glas, mit dem der Glasmacher seine Arbeit beginnt, versehen mit einigen farbigen Glassplittern, war fast schon eins, und der Gedanke, Papiere mit einem Stück Glas zu beschweren, mit Steinen, Holz oder irgend etwas Anderem war nicht neu. Es fehlte nur noch der Schritt, bunte Glaskugeln zu produzieren und sie als Papierbeschwerer zu vermarkten. Den tat der Venetianer Pietro Bigaglia von der Glasmacherinsel Murano auf der Wiener Industrieausstellung im Jahre 1845. Es war, als hätte alle Welt nur darauf gewartet, denn seine Millefiorikugeln wurden zum Erfolg und so beliebt, daß noch im selben Jahr die berühmte Manufaktur Saint Louis in Lothringen damit begann, Glaskugeln alla Veneziana herzustellen und das bis heute tut. Weitere folgten. "Millefiori" heißt "Tausend Blumen", und ehe man dazu kam, andere Dekore zu versuchen, wurden die Paperweights nach dem Vorbild des venezianischen Prototyps hergestellt. Bigaglias Glaskugeln wurden zu Klassikern, die man nicht nur benutzte, sondern von Anfang an auch sammelte. Nur sie und die unmittelbar in ihrem Gefolge um die Mitte des 19. Jahrhunderts herum erzeugten Glaskugeln dürfen sich, folgt man der Nomenklatur der passionierten Sammler, Paperweights nennen. Alle anderen sind "bloß" ordinäre Briefbeschwerer, also auch die in den hiesigen Hütten entstandenen, was uns aber nicht zu verdrießen braucht. Wir wissen, was wir an ihnen haben.

Auf der Suche nach Arbeit umherziehende Glasmachergesellen sorgten für die Ausbreitung unterschiedlichster Kenntnisse in der Glasveredlung, und so entstanden die ersten Briefbeschwerer auch bald in Schlesien, wo Glashütten schon eine lange Tradition besaßen. Sie gehörten wie Fläschchen für Schnupftabak, Vasen, Murmeln oder Petschaften zu den kleinen gläsernen Dingen, die die Glasmacher meist heimlich, gelegentlich mit Duldung der Hüttenbesitzer anfertigten, indem sie auf ihre Pausen verzichteten. Man nannte diese Pausenarbeiten "geschundenes Glas". Woher der Begriff stammt ist umstritten. Gewiß meinte man damit nicht das Quälen wehrlosen Glases; möglicherweise bezieht er sich auf die durch den Pausenverzicht herausgeschundene Zeit. Die so entstandenen Kunststückchen halfen das Taschengeld aufbessern. Sie wurden zu Jubiläen, Geburtstagen und ähnlichen Anlässen verschenkt oder man bezahlte damit, sein Feierabendbier beispielsweise.

In sorbischen Dörfern findet man gelegentlich noch Briefbeschwerer mit einem blinden Fleck auf der Kuppel. Sie zeugen von einer ganz besonderen Verwendung der Glaskugeln: Die Frauen benutzten sie gern zum Glätten ihrer gestärkten Leinenschürzen.

Obwohl manche dieser Stücke recht simpel zu sein scheinen, so gehörten doch eine solide Beherrschung des Handwerks, gestalterisches Talent, viel Geschick und zuletzt ein wenig Glück dazu, es fertig zu bringen, denn oft zersprang das vermeintlich geglückte Werk noch während des Abkühlens wegen innerer Spannungen, bedingt durch die Unverträglichkeit der verschiedenartigen verwendeten Materialien. Zu diesen gehörten in der Hauptsache natürlich Glasstückchen in allen möglichen Farben und Formen vom einfachen Glasbruch bis hin zum Staub, in Form gebrachte Stücken wie z.B. Blütenblätter, Symbole, Streifen, Buchstaben, in den hiesigen Hütten selten und wenn, dann wohl nur als Mitbringsel aus anderen Hütten, Millefioristäbchen, und gelegentlich Kupferdraht, Blech oder keramisches Material. Das ist eigentlich nicht viel, und besieht man sich dazu das wenige und ziemlich grobe Werkzeug, das ein Glasmacher benutzte, so bleibt einem nur noch übrig, sich zu wundern, und zu staunen angesichts der Vielfalt und Schönheit solcher eilig fabrizierten Kunststücke.

Colette de Jouvenel, Tochter der französischen Schriftstellerin Colette, einer leidenschaftlichen Sammlerin der bunten Glaskugeln, schrieb über deren Schöpfer: "Wer die Fähigkeit besitzt, Smaragde, Rubine und Saphire aus Glas entstehen zu lassen, der Farbtöne festhält, die in der Natur nur flüchtig vorkommen, der reale und irreale Formen und Farben in ein Objekt, nicht größer als unser Handteller, magisch einzuschließen vermag, der ist vielleicht nur ein bescheidener Zauberer, aber er ist ein Zauberer."

Mein Großvater Hermann Kraiczek war so ein Zauberkünstler. Er hat die beiden Briefbeschwerer gemacht, in deren Innerem sich schmale Bögen aus farbigem Glas wölben wie die Kreuzrippen einer gotischen Kathedrale - „Spinne" nennt man diesen ursprünglich aus Böhmen stammenden Typ. Ihn hatte, wie so viele andere Glasmacher um 1900, die Aussicht auf gutes Geld in das seit 1873 boomende Dorf Weißwasser gelockt. Weißwasser wurde damals binnen 50 Jahren von einem ärmlichen Heidedorf mit knapp 700 Einwohnern zum größten Glas produzierenden Industriestandort Deutschlands mit fast 13.000 Einwohnern. Viele fanden hier nicht nur Arbeit, sondern auch ihre Familie und eine neue Heimat. So auch der Großvater. Seine Schwägerin Erna Himpel, geborene Schmidt, war eine der vielen Schwestern meiner Großmutter, die alle irgendwie mit der Glasindustrie zu tun hatten, und sie hat den einen der beiden Briefbeschwerer mit Facetten versehen. Sie hat auch den Briefbeschwerer mit den weißen „Stalagmiten" geschliffen.

(2004, überarbeitet 2007. Erschienen in: Oberlausitzer Hausbuch 2006.)


briefbeschwerer paperweight foto himpel


P.S. Abgesehen davon, daß es einige Händler im Verein mit den immer zahlreicher werdenden Zwischenhändlern geschafft haben, die Preise in für Sammler unerfreuliche Höhen zu treiben, sollte man sich vom Wert seiner Erbstücke keine übertriebenen Vorstellungen machen. Sie werden, wenn auch der eine oder andere Liebhaber vielleicht bereit ist, mehr auszugeben, unter den Paperweights wohl immer das bleiben, was der Trabi unter den Automobilen ist: liebenswerte Außenseiter, mehr Andenken als Wertgegenstand. Sollten Sie einem Sammler, wie mir zum Beispiel, eine Freude gönnen und sich von einem Ihrer Stücke trennen wollen, so rechnen Sie je nach Güte des Stücks damit, etwa 30 bis 60 € zu erhalten. Falls Ihnen das zu wenig erscheint, so behalten Sie es lieber und erfreuen sich selbst daran. Nur lassen Sie bitte Ihre Kinder nicht damit kegeln, denn allzu viele gibt es davon bereits nicht mehr.


briefbeschwerer paperweight stalagmit


***



Weitere Artikel
über Briefbeschwerer aus der Lausitz
auf briefbeschwerer.kulturpixel.de

Kommentare zu diesem Artikel ansehen | Kommentar zu diesem Artikel verfassen

Zur Startseite

Nach oben

made by hsulzer design © 2007