Die Glasindustrie im Muskauer Faltenbogen
Von Jochen Exner
Mit freundlicher Genehmigung des Autors
Der folgende Aufsatz fußt größtenteils auf Angaben, die in Archivarbeit ungeschulte ABM-Kräfte und Andere zusammengetragen haben und hat den Fehler fast aller in Weißwasser entstandenen Arbeiten zu diesem Thema: Er benennt keine Quellen. Als leider einzige Arbeit dieser Art wird er hier trotz einiger offensichtlicher Mängel zitiert. Eindeutige Fehler wurden stillschweigend korrigiert; Ergänzungen befinden sich in den Nachträgen.
Der sich hufeisenförmig von Klein Kölzig über Weißwasser nach Teuplitz (Tuplice) erstreckende "Muskauer Faltenbogen" bot mit seinen Bodenschätzen die idealen Voraussetzungen für die Entwicklung der Glasindustrie in diesem eng begrenzten Raum. Besonders Holz, Kohle und Sand waren die wichtigsten Grundrohstoffe, die vor Ort ausreichend vorhanden waren.

Glashütten in der Lausitz und im ostelbischen Raum außerhalb der Lausitz. Nach Jochen Exner, Förderverein Glasmuseum Weißwasser e.V. 2001.
Schwarz umrandet: Die Ober- und Niederlausitz in den Grenzen von 1937; im grünen Oval die ungefähre Ausdehnung des Muskauer Faltenbogens.
Die heutige Grenze zur Republik Polen ist durch die Neiße markiert.
In den dem Muskauer Faltenbogen vorgelagerten Gebieten mit Braunkohlevorkommen entwickelte sich die Glasindustrie schon frühzeitig. In der "Augustahütte" in Wiesau (Wymiarki) wurde erstmals 1677 Glas geschmolzen. Das ist der älteste Nachweis zur Glasindustrie in unserer Gegend.
In Wiesau wurden in der Folge drei weitere Glashütten in Betrieb genommen:
Glashütte "Wild/ Wessel" - 1854,
Farbenglaswerk "Grosse" - 1873,
"Margaretenhütte" - 1906.
Ein weiteres Glaswerk wurde in der Nachbargemeinde Hartmannsdorf (Witoszyn Dolny) 1862 gegründet. Auf diesem geologischen Kohlefeld entstand im Landkreis Sorau (Zary) in Kunzendorf (Kunice Zarskie) ein weiteres Zentrum der Glasindustrie mit den Glashütten
"Gebrüder Ottlinger" - 1885,
"Bischhoff & Co." - 1887,
"Hildebrand" - 1906,
"Lausitzer Glashüttenwerke" - 1889.
Noch erwähnenswert in diesem, dem Muskauer Faltenbogen vorgelagerten Gebiet ist der Glasstandort Rietschen mit den Glashütten
"Hentschel & Schober" - 1872-1923,
"Greiner & Co." ("Berliner Hütte") - 1873-1934,
"Berthold Greiner" - 1900–heute.

Betrachtet man die Glasindustrie im deutschen Teil des Muskauer Faltenbogens beginnend in Kölzig und Döbern, so kann hier eine sehr hohe Konzentration an Glashütten festgestellt werden. Insgesamt können 10 Glasbetriebe verzeichnet werden:
Groß Kölzig
"A. Hirsch" - 1896-1928,
"Ottlinger & Co." - 1903-1930;
Döbern
"Gebrüder Hirsch" - 1866-1945,
"Robert Hirsch" - 1876-1929,
"Fettke & Ziegler" (heute: "Lausitzer Glashütte AG Döbern") - 1882-heute,
"Fettke & Co." ("Hedwigshütte") - 1900-1954,
"Hirsch, Mielisch & Co." ("Brox & Mader") - 1902-1972,
„Baldermann & Co.“ ("Müller Poeschmann") - 1901-1978;
Döbern/Dubrauke
"Brunner & Fischer" - 1810-1907,
"Erfurth, Baldermann & Co." - 1901-1938.

Folgt man dem Muskauer Faltenbogen, so kommt man zum Standort Friedrichshain mit der Glashütte "Friedrichshain" (ab 1903 "von Poncet Glashüttenwerke") 1767-1990, der ältesten Glashütte im Muskauer Faltenbogen. [Siehe Nachtrag 1.] In der Nachbargemeinde Tschernitz wurden zwei Glashütten gegründet:
"Warmbrunn, Quilitz & Co." - 1830-1986,
"Fernsehteilewerk Tschernitz" (später: „Samsung Corning Deutschland GmbH“) - 1980-2007.
Eine weitere frühzeitliche Glashütte, gegründet unter Graf Hermann von Pückler-Muskau, entstand in Jämlitz:
"Gräflich von Arnimsche Glashütte" ("Elisenhütte") - 1815-1939. [Siehe Nachtrag 2.]
Rasant entwickelte sich im Zentrum des Muskauer Faltenbogens die Glasindustrie der Gemeinde Weißwasser. Von 1873 bis 1904 entstanden hier 11 Glashütten. Ihr Produktionsvolumen wurde nirgendwo auf der Welt erreicht. Sie produzierten eigentlich alles, was aus Glas gemacht werden konnte! Folgende Glashütten wurden gegründet:
"Glasfabrik Weißwasser Zwar, Neubauer & Co."
(„Älteste“ oder "Gelsdorfhütte") - 1873-1978,
"Glashüttenwerke Hirsch, Janke & Co."
("Doppelglashütte") - 1884-1949,
"Oberlausitzer Glashüttenwerke J. Schweig & Co."
("Aktienhütte"; OLG, heute: "Stölzle Lausitz GmbH") - 1889-heute,
"Greiner, Ladiges & Schweig" ("Germania") - 1894-1933,
"Lausitzer Tafelglashütte Thormann & Maschke" (später: "Doktorhütte") - 1897-1933,
"Glashüttenwerk Hirsch & Janke & Co.", Abteilung "Malky, Müller & Co."
("Bärenhütte") - 1896-1997,
"Ladiges, Greiner & Co. Glashüttenwerke GmbH" ("Luisenhütte") - 1897-1945,
"Glashüttenwerk 'Union' Mudra & Co." - 1897-1945,
"Gelsdorf, Grimm & Co. Glashüttenwerk GmbH" ("Farbenglaswerk") - 1899-1991,
"Neue Oberlausitzer Glashüttenwerke J. Schweig & Co. GmbH" ("Osram", "Spezialglaswerk Einheit"; heute: "Telux-Spezialglas GmbH") 1899-heute,
"Opalescenz-, Kathedral- und Ornamentglaswerke GmbH" ("Neuglas") - 1904-1989.
Insgesamt waren in Weißwasser in diesen Glashütten über 4000 (!) Menschen beschäftigt, die an 49 Öfen und 486 Häfen gearbeitet haben.

Folgt man dem Muskauer Faltenbogen weiter, so kommt man zum Glasstandort Muskau mit folgenden Glashütten:
Auf deutscher Seite
"Raetsch, Schier & Co." [richtig: "Raetsch & Co."] (später: "Sallmannhütte", "Wissenschaftlich-Technischer Betrieb Wirtschaftsglas") - 1889-1990;
"American Opalescent Werke" - 1901-1924,
Auf polnischer Seite in Lugknitz (Leknica)
"Raetsch, Schier & Co." - 1897-1945,
"Urbainz" - 1898-1997,
"Raetsch & Co." ["Marienhütte"] - 1899. [Siehe Nachtrag 3.]

Am Ende des Faltenbogens wurden in Triebel (Trzebiel) die Glashütten
"Neubert Tafelglashütte" - 1903,
"Glasfabrik Triebel" - 1891;
und in Teuplitz (Tuplice) die Glashütten
"Ottlinger & Co." - wahrscheinlich 1884,
"Leser, Quos & Co." ("Hedwigshütte") - 1888 und
"P. Dahle" in Zilmsdorf (Cielmów) - 1885
gegründet.
Betrachtet man sich die Entwicklung der Glasindustrie in diesem eng begrenzten Raum, so stellt sie ein weiteres Phänomen im Faltenbogen dar. 47 Glasbetriebe, davon unmittelbar im Faltenbogen 35 und 12 im nahen Umfeld, zeugen von der Einmaligkeit der Nutzung der natürlichen Ressourcen und den ausgeprägten handwerklichen Fertigkeiten der Menschen. Schaut man sich weiterhin die Gründungsdaten der Hütten an, so stellt man fest, dass von
1677 bis 1767 - 2,
1810 bis 1876 - 11,
1882 bis 1906 - 34
Glashütten gegründet wurden.
Bei der Bewertung der Hüttengründungen müssen wir davon ausgehen, dass bis 1876 überwiegend Holz für die Glasschmelze verwendet wurde. Der dadurch entstandene Holzmangel hemmte die Glashütten um 1850 daran, eine Entwicklung entsprechend der Industrialisierungsperiode zu nehmen. Eine Lösung dieses Problems brachte erst im Jahre 1856 die Erfindung der Regenerativgasfeuerung durch Friedrich von Siemens sowie der 1858 entwickelte Generator zur Vergasung der Braunkohle. Für die gesamte deutsche Glasindustrie war dadurch der Weg der Entwicklung zur Großindustrie frei.
Infolge dieser Neuerung war es jetzt möglich, durch indirekte Feuerung ein einheimisches Feuerungsmaterial, die Braunkohle, großtechnisch auszunutzen. Dieser Brennstoff war und ist heute noch in ausreichender Menge vorhanden. Damals war er jedoch noch nicht in großem Umfange erschlossen.
Mit der allgemeinen Zunahme des Brennstoffbedarfes der Wirtschaft in der 2. Hälfte des 19. Jahrhunderts wurde ein verstärkter Kohleabbau immer mehr zur Notwendigkeit. Zwar wurden schon vorher, um 1800, in der Lausitz Schürfversuche unternommen und auch Braunkohle in kleinen Mengen gewonnen, aber es konnten z. B. die Kohlefunde, welche 1843 bei Friedrichshain gemacht wurden, bei dem damaligen Stand der Feuerungstechnik nicht zur Beheizung der Glasöfen verwendet werden.
Von großer Bedeutung war die mit der Aufnahme der Brikettproduktion 1870 verbundene Industrialisierung des Braunkohlenbergbaus im Senftenberger Revier. Diese entwickelte sich nun zu einem selbständigen Industriezweig und trat nicht mehr wie bisher nur als Folgeerscheinung z. B. von Glashütten auf.
Auch die Erschließung eines anderen wichtigen Grundstoffes für die Glasindustrie, des Glassandes, vervollkommnete sich nunmehr. In der 1. Entwicklungsetappe der Glasindustrie wurden kaum große Ansprüche an die Reinheit des Sandes gestellt. Doch mit fortschreitender Entwicklung stiegen die Anforderungen an die Qualität des Glases. Bedeutende Sandlager wurden in der 2. Hälfte des 19. Jahrhunderts in der Nähe von Hohenbocka und Hosena erschlossen. Insbesondere der Sand in der Umgebung von Hohenbocka zeichnete sich durch eine sehr hohe Reinheit aus, aber erst mit der Verbesserung der Transportbedingungen war es möglich, diesen Rohstoff auch über größere Strecken zu befördern.
Einen starken Impuls erhielt unter anderen die Sandförderung durch den Bau der Lausitzer Eisenbahnlinien. Von großer Bedeutung war der Bau der Eisenbahnstrecke Berlin-Görlitz 1863 sowie die Errichtung der Zweigbahnen 1872 nach Teuplitz über Muskau und 1891 nach Forst. Auf diesen Eisenbahnlinien konnten nun problemlos alle Rohstoffe, Fertigerzeugnisse sowie die ständig steigende Zahl der Arbeitskräfte transportiert werden. Sie waren von entscheidender Bedeutung für die industrielle Entwicklung im Muskauer Faltenbogen, da der Verlauf der Bahntrasse exakt im Faltenbogen angelegt wurde und Weißwasser als zentraler Umschlagplatz am Hauptgleis gelegen war.
(23.07.2008)
Nachtrag 1
Die Friedrichshainer Glashütte befand sich bereits seit den 1830er Jahren (1836?) in von Poncetschem Besitz.
(05.03.2012)
Nachtrag 2

Über die Pächter Johann Ignatius Seedel (den Gründer der Hütte, ab 1815), Johann Georg Milde (ab 1827) und Carl August Warmbrunn (ab 1833) und weitere gelangte die Jämlitzer Hütte, die entgegen anderslautenden Aussagen niemals "verlegt" wurde, aus dem Pücklerschen zunächst in den Besitz des Prinzen der Niederlande (1846) und erst 1889 in den Gräflich Arnimschen Besitz.
(18.08.2008)
Nachtrag 3

Die "American Opalescent Werke" wurden bereits 1897 als "Muskauer Tafelglashüttenwerk, E. Fischer" gegründet, nannten sich ab 1901 "American Opalescent Glass Works G.m.b.H.", ab 1908 "Hoffmann, Janke & Co. Glashüttenwerke Silesia, Muskau" und firmierten von 1909 bis zur Stillegung 1913 unter "Neue Oberlausitzer Glashüttenwerke Schweig & Co.- Abteilung Silesia-Muskau" (kurz "Silesia").
In Lugknitz, das im April 1940 nach Muskau eingemeindet wurde, befand sich nur die Glashütte „Urbainz“. Die spätestens 1897 (!) gegründete (ehemals Richtersche) Glashütte „Raetsch & Co.“ hatte ihren Standort in Neu-Tschöpeln (Nowe Czaple). Raetsch, Schier & Co. betrieben ihre Hütte im damaligen Muskau Ost (heute zu Leknica gehörig); diese Hütte war also eigentlich eine Muskauer Hütte.
Mit Hilfe von Kommanditisten übernahm Ernst Raetsch die "Marienhütte" in Neu-Tschöpeln; gründeten die Brüder Raetsch: "Raetsch, Schier & Co." Muskau Ost, Sorauer Straße (Ernst und Reinhold) und die "Sallmannhütte" Muskau, Bautzener Straße (Reinhold).
(18.08.2008)

Literatur zum Thema:
Haase, Gisela: Lausitzer Glas. Geschichte und Gegenwart. Ausstellungskatalog. Hrsg. VEB Kombinat Lausitzer Glas Weißwasser. Weißwasser 1987.
Meisterschaft aus Tradition. Die Geschichte des VEB Lausitzer Glas Weisswasser. Teil 1. Betriebsteile OLG und Bärenhütte. Hrsg. Parteileitung der SED [...]. Weißwasser 1989.
Exner, Jochen: „Glaswerke in der Lausitz und im ostelbischen Raum außerhalb der Lausitz.“ Kurzvortrag, Liberec (Reichenberg), Tschechien, September 2001. In: Preßglaskorrespondenz 2001-05. Hrsg. Siegmar Geiselberger. Gangkofen 2001; S. 49-52.
- Ausführliche Tabelle zum Thema. Ebd. S. 53-54.
- Anhang Glashütten und Glaswerke in der Lausitz. Ebd. S. 1-26.
Exner, Jochen: „Chronologischer Abriß der einzelnen Entwicklungsetappen der Glasindustrie auf dem Gebiet der ehemaligen DDR seit 1945 aus der Sicht der Haushalts- und Verpackungsglasindustrie.“ In: Neueste Nachrichten des Glasmuseums Weißwasser. Mitteilungsblatt des Fördervereins Glasmuseum Weißwasser e.V. Nr. 10 vom 16.01.2007; S. 3-9.
Eine ausführliche Darstellung der Glasindustrie in Weißwasser enthält die Broschüre Glashütten in Weißwasser. Hrsg. Förderverein „Glasmuseum Weißwasser“ e.V. Erfurt: Sutton Verlag 2005. (Die Reihe Arbeitswelten.)
Weitere Artikel
über Briefbeschwerer aus der Lausitz
auf briefbeschwerer.kulturpixel.de
Kommentare zu diesem Artikel ansehen | Kommentar zu diesem Artikel verfassen