Hat der alte Hüttenmeister ...
Eine wahre Geschichte
Von Bernd-Ingo Friedrich
Für meine Recherchen zur Glashütte von Jämlitz besuche ich einen alten Herrn, von dem man mir gesagt hatte, er sei dort der letzte Hüttenmeister gewesen. Es stellt sich jedoch bald heraus, daß das ein wenig übertrieben war, denn der „Hüttenmeister“, Jahrgang 1921, hatte seine Lehre (Ende 1936) kaum begonnen, als die Hütte (Mitte 1939) auch schon wieder schloß und er nach Tschernitz wechseln mußte.
Das herauszubekommen, gestaltet sich einigermaßen schwierig, denn der alte Herr ist so gut wie taub. Ein bißchen hört er noch, oder er kann von den Lippen ablesen, denn einige Male fragt er mich „Willste bei uns uff die Hütte anfangen?“ während der hinter ihm stehende Sohn ebenso viele Male dazwischen ruft: „Vater, tu dir doch mal die Ohren rein!“ – „Is gutt“, sagt er schließlich, „ich geh mir mal meine Ohren holen!“

Wiedergekehrt, zeigt er auf seine rechte Ohrmuschel, wo jetzt ein winziges Hörgerät steckt, und ruft: „Hier mußte reinsprechen, ich hab bloß das eene reingemacht!“ Bereits nach einem halben Satz unterbricht er mich mit der Aufforderung „du mußt e bissel lauter reden!“ und ich wundere mich: „Sie haben doch jetzt das Ding da drin, und da muß ich trotzdem noch so laut sprechen?!“ – „Na ja“, erklärt er, „das is schon e bissel kaputt, deshalb nehm ich schon bloß das eene; wenn mir das andere ooch noch kaputtgeht, hab ich nämlich gar keens mehr!“ – „Ah ja“, sage ich, „verstehe“, und holpere mit ihm weiter durch die deutlich vernehmbaren Störfrequenzen. Der Meister gibt sich Mühe, doch seine Erinnerung hat schon viele Löcher, und „eigentlich weiß ich ja überhaupt nüscht.“

Das Gespräch ist trotz allem sehr angenehm. Seine aquamarinblauen, von vielen kleinen Lachfältchen eingerahmten Augen suchen unverwandt die meinen und vermitteln einen geraden, aufrechten Charakter, mit dem man sich gern länger unterhalten möchte, aber unsere Verständigungsschwierigkeiten – ich kann obendrein nicht sehr laut sprechen und meine Stimme klingt meistens etwas heiser – sind enorm. Er merkt es schließlich selber und meint unvermittelt: „Na ja, da kunnt ich dir woll nich viel helfen, was?!“ – „Na ja“, pflichte ich ihm bei, aber da fällt mir etwas ein, und auch, um ihn ein wenig aufzumuntern, setze ich hinzu: „Wissen Sie was? Ich hab’ da so ein Foto, von einem Belegschaftsappell, 1939, von dem wir nicht genau wissen, ob es in der Jämlitzer Hütte oder auf der Babina gemacht wurde – ich könnte doch damit noch mal vorbeikommen – bei dem Appell zur Hüttenschließung waren Sie doch bestimmt dabei, oder?!“ – „Ja ja, das schon“, antwortet er, „aber das hat ooch keen Zweck, ich erkenn’ doch da drauf sowieso keen mehr!“
„Na, aber mit Brille kriegen sie das doch hin!?“ frage ich, von seinem Tonfall etwas irritiert, „ich meine, das Hüttengebäude erkennen sie doch noch, oder?!“ – „Nee“, krächzt er übermütig, „ich seh’ überhaupt nüscht mehr!“ – strahlt mich an, und lacht.
(07.03.2010.)
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