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Der Katalog von Djatkowo

oder Was einem beim Recherchieren passieren kann

Von Bernd-Ingo Friedrich


Wer keine Geschichten lesen,
sondern nur wissen möchte,
was in dem Katalog steht,
der springe damit weiter.

Meine Materialsammlung zur J---er Glashütte ist derart angewachsen, daß es sich lohnt, ein Buch daraus zu machen. Mit dem Herausgeber, dem M---er Historikerverein ist alles beredet, es gibt nur noch ein Problem: In seiner Sammlung befinden sich kaum J---er Gläser mit gesicherter Provenienz, weil keiner mehr weiß, wie die Gläser aus der 1939 geschlossenen Hütte aussahen; nicht einmal ich, obwohl ich darüber schreibe. Es gelingt mir, ein paar alte Katalogblätter aufzutreiben, die ich, zum Teil ihrer Größe wegen auswärts, kopiere und bereite einen Artikel für den Anzeiger vor, in dem die M---er gebeten werden, nach Gläsern zu suchen. Darin steht unter anderem: „Zur Illustration der Darstellung werden noch Produkte der Hütte gesucht. Um dem einen oder anderen das Entdecken von J---er Glas im eigenen Büfett zu ermöglichen, werden in diesem und weiteren Anzeigern einige der wenigen erhalten gebliebenen Katalogblätter abgebildet, die zu Vergleichen herangezogen werden können.“ Das Sammeln und Dokumentieren der Gläser übernimmt – optimal – ein Vorstandsmitglied des Vereins, ein Fotograf mit Ladengeschäft, der auch in der Redaktion des Anzeigers mitarbeitet. Um ihm möglichst viel Arbeit abzunehmen, bereite ich auch ein Protokoll vor. Es soll, neben der Absicherung der Besitzer, vor allem der Erfassung relevanter Informationen über die Glasgegenstände dienen. Das alles übergebe ich ihm fix und fertig auf CD und erläutere ihm haarklein das ganze Wie und Warum.

Bis zum Ansturm der Informanten beschaffe ich Gläser aus Haushalten, die sich auf meine telefonischen Anfragen hin bereits gemeldet haben. Ein Prachtstück, ein großer Kuchenteller mit eingraviertem M---er Schloß inklusive Foto des Graveurs und seiner Lebensdaten – das Highlight meiner Datensammlung – kommt zu meiner großen Überraschung sogar aus der eigenen Verwandtschaft. Als ich unserem Lichtbildner meine Fundstücke bringe, zeigt er mir einen Andruck meines Artikels: Das wichtigste, die oben zitierten Sätze, hat er gestrichen und die Bilder zum Artikel zeigen die Gläser, die wir schon haben. Die alten Katalogblätter abzubilden hielte er für Quatsch, denn „wer noch Gläser von da hat, der weeß das doch!“ Zwei Wochen später eröffnet er mir, er hätte bereits die ersten Gläser bekommen, aber die Protokolle würde er sich „schenken“, weil das die Leute bloß verunsichere; schließlich kenne man sich ja hier. Ich nehme das notgedrungen hin, aber die Aussicht, den Gläsern mit Skizzenblock und Schiebelehre noch einmal nachzureisen, hin und zurück Fahrten von jeweils 20 bis 30 Kilometern, mindestens, begeistert mich nicht gerade.


djatkowo umschlag 1      djatkowo umschlag 2


Und dann passiert das: Ich bringe ihm Glas und er zeigt mir Unterlagen, die ihm ein alter Glasmacher auf den Artikel hin anvertraut hat, Kataloge, Zeitschriften, Fotos, Kopien, – „Goldstaub“, hätten wir früher gesagt. Wegen dieser Unterlagen hatte ich bereits zweimal mit dem Besitzer verhandelt, und so gehe ich selbstverständlich davon aus, daß sie für mich hier bereitliegen. Der „Treuhänder“ teilt mir jedoch mit, daß sie ihm persönlich anvertraut seien und daß er sie mir eigentlich gar nicht geben dürfe. Ich könne sie mir aber in der kommenden Woche holen, erst einmal wolle er sie selber einscanen.

Wieder eine Woche später hole ich das Glas zurück und möchte auch die Papiere, doch die Weigerung, mir die Blätter auszuhändigen, ist diesmal strikt: „Nein! Der will das nicht!“ Hin und her, ich fahre zu dem Glasmacher, doch der ist nicht zu Hause, also wieder zurück, zum Fotografen. Nun kommt er mir auch noch damit, daß das Zeug nicht viel Wert sei und man sowieso nicht alles gebrauchen könne – ich frag’ ihn, woher er das denn wissen wolle, denn immerhin sei ja wohl ich derjenige, der das Buch schriebe – hin und her, er wird wütend, ich bin es schon – er hätte es ja bloß gut gemeint, eigentlich ginge ihn der ganze Krempel doch gar nichts an, er hätte das Glas zu knipsen, sonst nichts – na toll, sag’ ich, prima Anlaufstelle, ich werd’s dem Vorstand ausrichten, daß seinem Vorstandsmitglied das Buch egal ist – so hätt’ er das gar nicht gemeint und überhaupt, er hätte mir die Papiere ja gar nicht zu zeigen brauchen, denn schließlich hätte er sie ja bekommen.

Das macht mich einen Augenblick lang sprachlos. Dann will ich wissen, ob er die Blätter denn wenigstens kopiert habe. „Nein“, sagt er, und: „Das kostet ja unser Geld!“ speckert mir seine Frau über die Schulter; Punkt um, kopieren käme auch nicht in Frage. – Patt: Hier stehe ich, da liegen die Papiere, und dort steht der Treuhänder, der sie weder kopieren noch scanen noch herausgeben darf, kann oder will. Der Pfarrer von H. vertraut mir Reformationsschriften aus seiner historischen Kirchenbibliothek an, und hier liegen alte Zeitungen, Kataloge und Schwarz-Weiß-Kopien, an die ich ums Verrecken nicht herankomme!

Ich verabschiede mich, nicht eben galant, das geb’ ich zu, aber in Anbetracht der Umstände außerordentlich höflich. – So. Und nun sagen Sie mir mal, aber ehrlich, was Sie getan hätten, wenn Sie an meiner Stelle gewesen wären!?

(13.03.2010)

Post Scriptum: Was mir - unter anderem - fast entgangen wäre, ist HIER zu sehen. Beschaffung, Restaurierung und elektronische Aufbereitung inklusive Übersetzung des Katalogs haben zwar viel Zeit in Anspruch genommen, haben sich aber, wie sich allmählich herausstellt, gelohnt. Ich danke dem Besitzer der Rarität für seine freundliche Genehmigung zu ihrer Publikation und anderweitigen Verwendung.

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