Der Glas-Fabrikant
und ein lustiges Lied aus einem alten Kinderbuch
Verfasser unbekannt

Ein Zufall soll auf die Kunst Glas zu machen geleitet haben; die Sache wird so erzählt: phönizische Schiffe hatten Salpeter geladen, und landeten bei Sidon; die Mannschaft machte Feuer um zu kochen, und suchte Steine, die Kessel darauf zu setzen; da sie nun dergleichen an dem dortigen sandigen Ufer des Flusses Belus nicht fand, so nahm man große Salpeterstücke und setzte die Kessel darauf; durch das Feuer gerieth aber der Salpeter in Brand, zerfloß, und vermischte sich so mit dem Sande auf dem er lag. Als nun die Flamme verlöschte, fand man eine flüßige Masse die durchsichtig war.
In der Folgezeit bis auf unsre Tage ist die Kunst Glas zu machen sehr vervollkommnet worden, man verfertigt nicht nur weißes, sondern auch farbiges Glas, ja man bildet Edelsteine, besonders Kristalle damit nach, und macht Glasperlen. Zu dem grünlichweißen Glase nimmt man eine Mischung von gemeiner Asche und grobem Kieß; das feinere weiße Glas wird aus weißem Kieß, Pottasche, Salpeter, Borax, Kreide u.f. verfertigt; eben so das Kristall- und Spiegelglas, nur mit noch einigen Zusätzen; soll farbiges Glas gemacht werden, so wird die Masse noch mit metallischen Kalken versetzt. Das sogenannte Milchglas, eine dem Porzellan ähnliche Masse, wird aus Sand, Gyps und Kalk, in einem verschlossenen Gefäße geglüht, verfertigt. Die Glasperlen sind kleine hohl geblasne Kugeln, mit einem Zusatz von Bein- und Zinnasche; eine Flüßigkeit von den Schuppen des Weißfisches und der Hausenblase wird hineingeblasen, die Kügelchen umgeschwenkt und sodann mit Wachs ausgefüllt.
Sogar gesponnen kann das Glas werden; die Masse wird in einigen Minuten geschmolzen, wenn man die Flamme einer Lampe mit einem blechernen Röhrchen, das eine feine Oeffnung hat, unaufhörlich bläst; nun hängt man ein feines gläsernes Häkchen an, an das sich sodann ein Glasfaden anhängt, den man an ein gewöhnliches Spinnrad befestigt, und durch das Umdrehen des Rades den Glasfaden nach Belieben verlängert. Aus solchem Glase machte man sonst Federbüsche, Blumen u.f.; denn es ist nicht so zerbrechlich, als man wol glauben sollte. Auch das Emaille ist nichts als fein zu Pulver gestoßnes Glas, mit Gummiwasser auf eine Metallplatte aufgetragen, und in einer Kapsel auf Kohlen zum Flusse gebracht. Glasscherben können auch auf den Glashütten wieder zu neuer Fabrikation benutzt werden, jedoch nicht zu den feinern Sorten.
Die Anstalt oder die Gebäude, wo das Glas gemacht wird, nennt man eine Glashütte. Hier ist zuerst der Calcinir-Ofen; in ihm liegen auf einem erhöhten Rost die Kohlen, deren Flammen den ganzen Ofen erfüllt; hier wird die rohe Masse geglüht, die man alsdenn Glasfritte nennt, heraus nimmt, und wenn sie erkaltet ist in Töpfen oder Glashäfen zum weiteren Gebrauche aufbewahrt. Diese Hafen sind aus gutem Thon verfertigt, und müssen sehr gut gebrannt seyn, denn in ihnen kömmt die Fritte in den Schmelz- oder Werk-Ofen; dieser wird durch den Heerd in zwei Theile getheilt; im untern ist das Feuer, und auf den Heerd wird die Fritte gebracht; in der Mitte des Heerdes ist ein Loch, durch welches die Flammen aufwärts schlagen, und so von dem obern Gewölbe des Ofens zurück auf die auf dem Heerde stehende Glasfritte wirken. Dieser Ofen hat doppelt so viel Ofenlöcher als Arbeiter sind, damit immer ein Hafen mit vollständig brauchbarer Masse für jeden Arbeiter bereit seyn kann.

Durch diese in dem Schmelzofen angebrachten Löcher steckt der Arbeiter ein eisernes, mit einem hölzernen Handgriff versehenes Blasrohr, und zieht mit demselben so viel Fritte als er nöthig hat heraus; diese bläst er zu einer Blase, und macht indem er dieselbe an dem Rohre schwenkt allerlei kleine und große Gefäße daraus. Bei diesem Schwenken der Masse an dem Blaserohr muß der Arbeiter eigne, nur durch Uebung zu erlangende Vortheile anwenden. Wird etwas Wasser durch das Rohr in die daran hangende Glasmasse geblasen, so wird diese dadurch zu einer außerordentlichen Größe ausgedehnt. Alles Glas, auch die Tafeln, werden auf diese Weise geblasen; die Blase nemlich woraus die Tafel werden soll, wird aufgeschnitten und in dem Streckofen ausgebreitet. Die Uhrgläser werden eben so gemacht, indem die Geblasenen Kugel in zwei Theile geschnitten wird. Man verfertigt auch von Glas allerlei Figuren auf den Glashütten, diese werden aber meistens in dazu schon vorhandene Formen geblasen.
Die Tafeln zu Spiegelgläsern können ebenfalls geblasen werden; man zerschneidet die Kugel mit einer Scheere, und bringt die nun entstandnen Glasblätter auf eisernen Schaufeln wieder in den Ofen, bis sie zu fließen anfangen; alsdann nimmt man sie heraus, legt eine Tafel über die andre, nachdem man vorher Asche zwischen jede gestreut hat, und setzt sie in den Kühlofen. So macht man noch jezt die venetianischen Spiegelgläser, allein anderwärts werden sie gegossen. Dies geschieht auf einer metallenen Platte, die die Größe des zu fertigenden Spiegelglases hat, und deren Randform die Dicke desselben bestimmt; über diese Platte rollt man eine warm gemachte metallene Walze, wodurch die Masse geebnet wird und das Zuviel derselben abläuft. Wenn diese Tafeln aus dem Kühlofen kommen, werden sie in einem dunkeln Zimmer aufgestellt, wo man denn jedes Bläschen oder Pünktchen in demselben bemerken kann; denn sowohl nach der Größe als auch besonders nach der Reinheit bestimmt man den Werth der Spiegelgläser. Hernach werden diese Tafeln noch geschliffen und polirt.
Noch befindet sich in der Glashütte ein dritter Ofen, nemlich der schon einigemal erwähnte Kühl-Ofen. In diesem ist die Hitze nicht so stark wie in den andern Oefen; alles Glaswerk muß in denselben gebracht werden, damit es nach und nach erkalte, sonst würde es zerspringen.
Der Instrumente, deren man sich bei der Glasfabrication bedient, sind nur wenig; nemlich: das schon genannte Blaserohr oder die Pfeife, Scheeren und Zangen zum Glaszerschneiden und Abzwicken, ferner die verschiedenen Formen zu allerlei Figuren, mit welchen man auch zuweilen denen die Glashütten besuchenden Fremdem ein Geschenk zu machen pflegt.
Die sogenannten Bolognerfläschgen, Platzgläser, Vexirgläser, werden auch in den Glashütten gemacht; sie sind hohl, stark, und kommen nicht in den Kühlofen, sondern werden sogleich an freier Luft abgekühlt; hierdurch erhält das Glas eine spröde Spannung, welche verursacht, daß sie in auch nur gelinder Wärme, z.B. in der zugemachten Hand, zerplatzen. Auch der Schmelz, von allerlei Farben, wird hier auf folgende Art verfertigt: zwei Arbeiter nehmen eine Quantität Glasmasse auf eiserne Stangen, und gehen mit denselben auf einem bedeckten Platze auseinander, wodurch das Glas in hohle Faden gezogen wird; diese werden zerschlagen, in einem Gefäß worin Kohlenstaub befindlich ist umgerüttelt, wodurch die Stückchen gerundet werden; hernach kommen sie noch zu ihrer Vollendung in den Kühlofen.

Lied
Der Zufall, der das Glas uns brachte,
der Mann, der weiter drüber dachte,
daß diese Kunst sich immer hob,
verdient so unsern Dank als Lob.
Ein gläsernes Gefäß bleibt immer
das reinlichste; ein schönes Zimmer,
was wär es ohne Fensterglas,
und was wär hier so gut als das!
Entfernte Welten kehren wieder
durch Glas; der graue Flor sinkt nieder,
der um ein schwaches Auge schwebt,
wenn Glas den Lichtstrahl stärkt und hebt.
Ein Glas zieht lichte Feuerflammen
aus Sonnenstrahlen sich zusammen;
ein andres läßt dich Wunder sehn,
und Menschen auf den Köpfen stehn.
Du darffst es nur einmal bezahlen,
so wird, so oft du willst, dich mahlen,
dein Spiegelglas; und wahr und treu,
denn Glas kennt keine Schmeichelei.
Ei nun, so will ich denn zu Ehren
des Glases selbst ein Gläschen leeren;
der Mann soll leben, der es blies,
und seinen Rand vergolden ließ!
Gefunden in: Die nützliche Welt. Dritte Abtheilung. Mit 26 illuminirten Holzschnitten. Breslau 1814, gedruckt und im Verlage der Stadt- und Universitäts-Buchdruckerei bei Graß und Barth; das Buch fand sich in der Kinderbuchsammlung von Oskar Roesger im Stadtmuseum Bautzen.

(04.11.2010)
Kommentare zu diesem Artikel ansehen | Kommentar zu diesem Artikel verfassen