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Carlsthal um 1840 oder: Vom glückhaften Finden

(Nach Bruno Kaiser)

Von Bernd-Ingo Friedrich


Wir haben einiges vor. Olga und ich müssen ins Senckenberg-Museum, dann muß ich in meinen Verlag und Olga und Janine wollen bummeln gehen. Wir sind zeitig in Görlitz, setzen Janine ab und gehen, also ich und die Olga, zum Arbeiten in die Museumsbibliothek. Gegen Mittag haben wir alles geschafft. Olga vereinbart übers Händi einen Treffpunkt mit Janine und wir, also Olga und ich, jockeln stadteinwärts.


ca4 pw trompetenblume wsw goerlitz


Natürlich wird mitgenommen, was am Wege liegt, und das erste ist der Antiquitätenladen am Obermarkt. Dort steht noch immer ein wunderbarer Briefbeschwerer, ein im Vergleich mit seinen Artgenossen riesiger, ganz sauber gearbeiteter, völlig unbeschädigter Lausitzer mit den zwar häufigen Trompetenblumen, die hier aber selten akkurat gearbeitet und selten harmonisch in die leicht grau gefärbte Glasmasse eingebettet sind. Ich hatte ihn schon einige Male resigniert in der Hand, denn er sollte 110 Euro kosten. Jetzt steht er bei 80. Olga ist von dem Stück ebenso begeistert wie ich. „Den hol’ ich Dir, wenn de willst“, erklärt sie und bietet mir an zu handeln. Ich weiß nicht so recht, ich bin – fast – immer ohne Geld unterwegs, so auch diesmal, und handeln ist auch gar nicht mein Ding. Aber Olga schreitet gleich zur Tat und kriegt ihn binnen kurzem für 50. Was soll ich machen? Ich pumpe die Olga an, das heißt, sie bezahlt für mich. Darüber freue ich mich zwar sehr, doch das ganze ist mir auch ein wenig peinlich und so tue ich, als ob mich das Geschäft nichts anginge und inspiziere die Vitrinen. In einer entdecke ich eine weitere Rarität, einen flachen, brikettförmigen Briefbeschwerer mit eingelegten Aluminiumbuchstaben, die zusammen den Namenszug „Marianne“ ergeben. Umrahmt wird das Metonym für die französische Nation von Glasstreifen in den Farben des deutschen Kaiserreichs, also des „Erbfeindes“. (Der „Mariannen“). Sehr sinnig. Das Glas ist kräftig gelb getönt, der Briefbeschwerer muß hundealt sein; die Altersspuren halten sich in Grenzen. Das Prachtstück soll 20 Euro kosten, die ich natürlich auch nicht habe. Olga, die mir nachgeschlichen ist und mich das „Brikett“ unschlüssig hin und her drehen sieht, fragt: „Willste den ooch noch? Nehma mit!“ 20 Euro raus der Tasche, Brikett rein in die Tasche und ich bin potentieller Besitzer zweier neuer alter Briefbeschwerer und tatsächlicher Schuldner von 70 Euro. Damit ist etwas mehr als das gesamte Honorar für meinen letzten Artikel dahin. Wie sag ich’s nur der Janine?


ca2 carlsthal 1840 oben


Ich brauch’s der Janine gar nicht zu sagen, denn die sitzt ziemlich stinkig mit der Olga in Zgorjelec „Przy Jakubie“ und weiß schon (fast) alles, als ich nach Erledigung meiner Verlagsangelegenheiten wie verabredet dort eintreffe. (Das Brikett zu erwähnen, hatte die Olga sich nicht mehr getraut.) Wütend mit einem Bratapfel kämpfend, erklärt sie mich für verrückt, „so eine Gurke zu kaufen!“, wo sie doch unterwegs einen „super garantiert antiken Paperweight“ entdeckt hätte, „mit lauter weißen Schräubchen und Millefioris, bestimmt Murano, Clichy oder so was“; sie tippe auf Murano; „innen drin zwar bissel komisch, fast wie kaputt, irgendwie eigenartig, aber trotzdem – tausend Mal schöner als das olle Ding da – na toll, damit hätte sich das ja wohl erledigt; 50 Euro für Trompeten, ich glaub’, ich spinne!“.


ca3 carlsthal 1840 unten


Mein schlechtes Gewissen empfiehlt mir, Janine zu einer nochmaligen Besichtigung ihrer Entdeckung zu überreden. Durch halb Polen geht es zu dem Laden, den wir verschlossen glauben, bis – zum Glück – der Händler selbst öffnen kommt und uns erklärt, daß die Tür bloß klemmt. Der Laden ist gesteckt voll mit Antiquitäten, aber den Briefbeschwerer sehe ich sofort. Ich traue meinen Augen kaum. Was da liegt, gehört zu den seltensten und schönsten Briefbeschwerern überhaupt! Auf alle Fälle Riesengebirge, um 1850, heute nicht mehr unter (wieviel, verrat’ ich nicht) Euro zu haben. Mir wird ganz heiß. In der Hoffnung, den Preis auf ein für uns möglichst erträgliches Niveau manipulieren zu können, rate ich der Janine so laut, daß der Händler es hören muß, sie solle das Ding nicht kaufen. Erst als ich ihr heimlich zuzwinkere, versteht sie, ansonsten hat sie überhaupt keine Ahnung, worum es geht. Meine Vorsichtsmaßnahme erweist sich jedoch als überflüssig, denn der Händler nennt den Preis, rechnet ihn um, und heraus kommen „schto, ah nein, schejschtsch deschjont“ – ganze 60 Euro! Ich traue meinen Ohren kaum. Janine handelt auf 55 Euro herunter und geht aus dem Geschäft mit dem unguten, aber völlig unbegründeten Gefühl, eventuell ein schlechtes Geschäft gemacht zu haben, denn die Kugel hat ja diesen kleinen, herstellungsbedingten Makel: Ein eingelegtes Sulphides-Köpfchen der Königin Luise von Preußen (wie sich später herausstellt) ist beim Einschmelzen zersprungen und hat eine Blase geworfen. Auf der Straße gratuliere ich Janine, behalte meine Diagnose jedoch noch für mich – weil ich nämlich kaum glauben kann, was uns da soeben ins Haus geschneit sein soll. Ich verleihe Janine aber schon mal den Titel „größter Briefbeschwerer-Finder aller Zeiten“. Voller Stolz und mit so gut wie leerem Portemonnaie feiern wir die Anschaffung, indem wir noch einmal bei Jakob einkehren. Als wir auskehren, ist es leer, das Portemonnaie. Die Landeier haben wieder einmal eine größere Stadt besucht ...


ca1 pw marianne goerlitz


Janines Briefbeschwerer entpuppt sich mit Peter von Brackels Hilfe tatsächlich als ein Hauptgewinn. Verschiedene Anhaltspunkte weisen ihn als einen Prototypen der sogenannten Riesengebirgs-Briefbeschwerer aus, die in dem kurzen Zeitraum zwischen 1841 und 1844 in der kleinen Carlsthaler Glashütte im Grenzland von Schlesien und Böhmen hergestellt wurden, als der berühmte Franz Pohl sie leitete und erste Versuche zur Produktion von Millefiori-Briefbeschwerern anstellte, noch ehe sie allgemein in Mode kamen. Janines „kaputter Murano“ ist eins von weltweit vielleicht zwei Dutzend mit Bestimmtheit der Carlsthaler Hütte zuzuordnenden Millefiori-Paperweights und eins von nur drei bislang bekannten gewordenen mit einer Sulphides-Einlage. Daß diese ein bißchen verunglückt ist, „stört doch keine Sau!“ Sagt Janine.

(04.07.2010.)

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