05
Zur Startseite

Horny: Hand Art

Eine Geschichte aus dem Alltag

Mit vier Kommentaren


clichy rose frankreich um 1850



Keine Lust zum Schreiben. Die Miseren der letzten zwei, drei Jahre liegen mir tonnenschwer auf dem Magen. (Hinterhältige Webmaster nicht mitgerechnet:) Unbrauchbare Verleger, unverschämte Herausgeber, unfähige Graphiker, gleichgültige Drucker – ich brauche nur in die Nähe des Endes einer Arbeit zu kommen – schon lähmt mich der Gedanke an das Angewiesensein auf diese dreiste Quadrupelallianz aus „Dienstleistern“ bis zur Depression. / Meine Fingernägel sind schon wieder so weit ausgewachsen, daß sie beim Niederdrücken der einen, erwünschten, ab und zu eine zweite, überflüssige Computertaste mitknuspeln. Eigentlich könnte ich doch wieder einmal maniküren. Gesagt, getan. Als ich damit fertig bin, liegen alle zehn Nagelabschnitte (oder abgeschnittenen Nägel?) neben der Computermaus. Ich bin stolz auf mich. Meistens verschwindet nämlich einer auf Nimmerwiedersehen auf dem graumelierten Fußbodenbelag oder in dem zottigen Schaffell, das mir die Füße wärmt. Damit mich die Artefakte nicht stören, schiebe ich sie auf der Schreibunterlage zusammen und ein Stück weit von mir. Sie ordnen sich dabei ganz von selbst zu einem geometrischen Gebilde, das mir bekannt vorkommt: Tatsächlich! Vor mir liegt eine Clichy-Rose! Eine Clichy-Rose ist ein Gestaltungselement, das die Glasmacher der berühmten, 1837 in Billancourt bei Paris gegründeten, wenig später nach Clichy-la-Garenne, einen damaligen Vorort von Paris verlegten „Cristallerie de Clichy“ im 19. Jahrhundert für ihre Briefbeschwerer erfanden. Dafür werden schmale Glasplättchen in den Farben Grün und Rot, Rosa oder Weiß so miteinander verschmolzen, daß der Eindruck einer sich öffnenden Rosenknospe entsteht. „Le motif en bouton de rose, la fameuse ‚rose de Clichy’, est considéré, par les collectionneurs, comme une véritable signature de cette cristallerie.“ Die Rose, die vor mir liegt, ist allerdings aus weniger edlem, etwas schmuddligem Horn. Sie ist noch nicht ganz fertig. Ich brauche aber nur einen kleinen gegen einen etwas größeren Nagel auszutauschen und die Illusion ist perfekt; „horn“, oder „hand art“, sozusagen.

(25.01.2011)

rose john deacons england 2010



Fingernägel scheinen ein interessantes Thema zu sein. Es haben gemehlt:

Ein Pfarrer: „Bei mir verschwinden die abgeschnittenen Fingernagelspitzen gerne in den Ritzen der Computertastatur. Vielleicht gibt es ja irgendwo eine spezielle Fingernagelabsaugemaschine. - Weiß man bzw. frau denn überhaupt, was sich da drin so alles versammelt? Die Tastatur könnte ähnlich trübe Geheimnisse bergen, wie die unbekannten Räume hinter Kühlschränken und Herden. Was für ein weites Feld, äh - was für eine Landschaft tut sich da vor uns (!) auf!“

Ein Buchhalter: „... besten Dank für die schöne Geschichte! Dies erinnert mich daran, daß ich fallweise zur Elektrogitarre greife und die Linke dann zu stark bewehrt ist, das Griffbrett in Abstand geht und so weiter - rechts dürfen die Klingen etwas länger bleiben!!“

Eine Japanologin: „... vielleicht kommen Ihre Clichy-Nägel ja mal neben die von Picasso, falls jemand ein Nägel-Museum eröffnet ... Esotheriker meinen, man solle sie essen ...“

Eine Museologin: „Wenn Dir wieder mal nach Maniküre ist, lade ich Dich ein, dann hol ich meinen Umhang raus und wir gehen in den Garten und machen eine Kultveranstaltung draus, Garten düngen mit Fingernägeln ...“


Kommentare zu diesem Artikel ansehen | Kommentar zu diesem Artikel verfassen

Zur Startseite

Nach oben

made by hsulzer agentur © 2007