Briefbeschwerer-Literatur
Eine kritische Zusammenfassung
Von Bernd-Ingo Friedrich
Bücher und Broschüren über die „klassischen Paperweights“, vor zwanzig Jahren noch rar, füllen inzwischen eine kleine Spezialbibliothek. Die (deutschsprachige) Literatur, die Angaben zu den von Peter von Brackel so genannten „nachklassischen Volkskunst-Paperweights“ (siehe Nr. 7 dieser Liste) enthält, beschränkt sich – abgesehen von einigen hier und da publizierten Einzelbeiträgen – auf ein halbes Dutzend Veröffentlichungen, die jedoch alle mehr oder weniger hinterfragenswerte Informationen enthalten. Ihr gemeinsamer gravierender Mangel besteht darin, daß sie weder auf die Ober- noch auf die Niederlausitz eingehen, obwohl das „Lausitzer Glas“ (aus Brandenburg, Niederschlesien und Sachsen kommend) in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts, also dem fraglichen Zeitraum, in der Welt bekannt und für Jahrzehnte sogar führend war. Hier die Buchtitel mit kurzen, auf Feldforschungen des Autors im heutigen Sachsen und Brandenburg und speziell in den beiden Lausitzen basierenden Bewertungen in der Reihenfolge ihres Erscheinens:


James Mackay: Paperweights. Briefbeschwerer aus Glas. München: Keysersche Verlagsbuchhandlung 1981. (Keysers Sammlerbibliothek.) Erstausgabe in englischer Sprache: London: Ward Lock Ltd. 1973.
James Mackay widmet den „Böhmen“ zwei flüchtige Seiten (30 und 31) und kommt gegen Ende seines Buches (S. 112) unter der Überschrift „Andere Länder“ mehr als kurz (12 Zeilen!) auf Deutschland zu sprechen; Kernsatz: „Man könnte [aus der Herstellung von Murmeln bis zum Ersten Weltkrieg] schließen, daß ähnliche Objekte mit abgeflachtem Boden in Form von Paperweights hergestellt worden seien, aber sie glänzen durch Abwesenheit.“
Gerhard Kaufmann: Paperweights & kuriose Postkarten. Ausstellungskatalog. Hrsg. Altonaer Museum in Hamburg. Hamburg Altona: Th. Dingwort & Sohn 1974.
Gerhard Kaufmann unterscheidet nicht zwischen kommerziell und nichtkommerziell hergestellten Briefbeschwerern, spricht aber (S. 20) schon von einem „böhmisch-schlesischen Raum“ und gibt zur Herkunft einiger geschundener Objekte immerhin bereits „Deutschland/Böhmen“ oder nur „Deutschland“ an.
Reinhard Haller: „Geschundenes Glas“. Brauchtümliches Glasmachen. Volkstümliche Gläser im Bayerischen Wald und anderen europäischen Glashüttenlandschaften. Grafenau: Morsak-Verlag 1985.
Reinhard Haller beschränkt sich, wie der Titel deutlich macht, auf den Bayerischen Wald. Er bringt den Begriff des „Schindens“ in die (hier vorzustellende) Literatur und bereitet damit gewissermaßen der Unterscheidung zwischen klassischen und nachklassischen (Volkskunst-) Paperweights den Boden.
Sibylle Jargstorf: Paperweights. West Chester, Pennsylvania: Schiffer Publishing Ltd. 1991. (Leider nur in einer englischen Ausgabe erschienen.)
Sibylle Jargstorfs englischsprachige Monographie wird so oft zitiert, daß sie hier nicht übergangen werden kann. Bei ihr erscheinen die nachklassischen Paperweights, den Klassikern aus dem Riesen- und Isergebirge unmittelbar folgend, im Kapitel „Central Europe“ (S. 62–110) und sind überwiegend Böhmen und Thüringen, gelegentlich auch Deutschland bzw. alternativ Deutschland oder Nordböhmen zugeordnet. In einer Bildunterschrift (S. 101) taucht einmal die Formulierung „probably Lausitz“ auf (die, wie inzwischen feststeht, auch „certainly Lausitz“ hätte lauten können), später (S. 107) kommen die „Vereinigten Lausitzer Glaswerke“ ins Spiel, doch die dazu gehörende Aussage, es habe dort eine reguläre Briefbeschwerer-Produktion gegeben sowie die Hypothese, es seien sogar Paperweights in Arsall-Manier hergestellt worden, erwiesen sich als nicht haltbar. (Zu Weißwasser s. unten: Peter von Brackel, Paperweights). Worauf Sibylle Jargstorfs Herkunftsangaben basieren, ist nicht ersichtlich; dem gesamten Abschnitt haftet noch das Vorläufige, Provisorische an.
Monika Flemming/ Peter Pommerencke: Paperweights. Gläserne Briefbeschwerer. Augsburg: Battenberg Verlag 1993. (Battenberg Antiquitäten-Katalog).
So wie die Angelsachsen mit der gesamtdeutschen, haben die westdeutschen „Schreibtischtäter“ Probleme mit der ostdeutschen Geographie. Monika Flemming und Peter Pommerencke verwenden die Begriffe „böhmische Paperweights“ und „späte böhmische Paperweights“ zur Typisierung und weisen darauf hin, daß diese – auf Mitteldeutschland bezogen – nicht nur in Böhmen, „sondern auch in Thüringen (u.a. Weißwasser)“ entstanden; in einer Bildbeschreibung heißt es „aus der Gegend Weißwasser/Thüringen“. Doch die Verlegung von Weißwasser nach Thüringen ist ebenso falsch wie die Kennzeichnung eines bestimmten Briefbeschwerertyps als Weißwasseraner: Weißwasser O.L. (= Oberlausitz) lag (im betrachteten Zeitraum) in Niederschlesien, heute liegt es (wieder einmal) in Sachsen. („Die sogenannten Weißwasseraner“ ist ein Artikel überschrieben, in dem die Weißwasseraner als Bischofswerdaer geoutet werden. Mit Fragen der territorialen Zuordnung ostdeutscher Glashütten befassen sich die Kapitel „Etwas Geographie“ und „Die Glasindustrie im Muskauer Faltenbogen“.) Nahezu die Hälfte der insgesamt 26 „böhmischen“ Paperweights ist noch falsch zugeordnet. Vorweggenommen sei an dieser Stelle: Die Schriftzüge „F.S.G.“ und „Zum Geburtstag“ in den zwei Briefbeschwerern S. (93) zweite Reihe rechts und vorletzte Reihe links wurden nicht „mit flüssigem Glas während des Herstellungsprozesses direkt auf den glühendheißen Glasposten geschrieben“, sondern separat gefertigt und mit dem „glühendheißen Glasposten“ von der sogenannten Marbelplatte aufgenommen. (Zu Herstellungstechniken siehe den Artikel „Die Herstellung der Briefbeschwerer“.)
Walter Spiegl: Paperweights. Briefbeschwerer von der klassischen Periode um 1850 bis in die Gegenwart. München: Wilhelm Heyne Verlag 1996.
Walter Spiegls Kapitel „Briefbeschwerer um 1900 bis heute“ (S. 153–161) beinhaltet insofern einen Erkenntnisrückschritt, als er für Mitteldeutschland nur Thüringen und das „sächsische Erzgebirge“ nennt (für das bis heute kein einziger Briefbeschwerer nachgewiesen werden konnte) und die abgebildeten „späten böhmischen Briefbeschwerer“, wie er die „geschundenen Kugeln“ aus den Jahren „um 1900 bis 1930“ Flemming/Pommerencke vereinfachend generell bezeichnet, wieder nur Böhmen und Thüringen zuordnet. Spiegls gravierender Fehler besteht jedoch in der Annahme, man könne die geschundenen Briefbeschwerer einer bestimmten Hütte zuordnen. „Die perfekt beherrschten, komplizierten Techniken lassen vermuten, daß diese Briefbeschwerer alle aus einer bestimmten, wenn auch noch nicht näher identifizierbaren Werkstatt stammen, die sowohl in Thüringen als auch in Nordböhmen gelegen haben könnte.“ (S. 159). Daß und warum das völlig unmöglich ist, wird sich im folgenden zeigen. (Näheres dazu enthält auch der Artikel „Zuordnungsprobleme“.)
Peter von Brackel: Paperweights. Historismus, Jugendstil, Art Deco, 1842 bis heute. Insbesondere nachklassische Volkskunst-Paperweights aus Böhmen, Deutschland und weiteren europäischen Ländern. Grafenau: Morsak Verlag 1997.
Peter von Brackels grundlegende Publikation, in der Thüringen wiederum gut repräsentiert ist, gibt lediglich eine (!) sächsische Hütte an, bei der es sich obendrein um eine handelt, die „möglicherweise“ und wenn, dann auch nur klassische Paperweights hergestellt haben „könnte“. Weißwasser erscheint darin zusammen mit den Aussagen, die in Sybille Jargstorfs Paperweights enthalten sind, lediglich mit „der Hütte [!] Vereinigte Lausitzer Glaswerke A.G.“ (S. 44f.). Die „Boomtown“ der Gründerjahre hatte aber elf (!) selbständige Glashütten, und in der „Boomregion“ an der Nahtstelle von Ober- und Niederlausitz = Brandenburg (nirgendwo genannt) und Niederschlesien waren weitere 19 Glashütten angesiedelt. Zu ihnen gehörten mit je einer in Friedrichshain (1767 gegründet), Jämlitz (1815 errichtet) und Tschernitz (1830 gebaut) drei der ältesten Hütten der Lausitz(en); Döbern (eingeschlossen Groß Kölzig und Dubrauke) kam auf acht, Muskau einschließlich Neu-Tschöpeln und dem 1940 eingemeindeten Lugknitz auf fünf und das weiter südlich gelegene Rietschen auf drei. Mit diesen 30 Hütten sind nicht etwa Firmen oder Firmierungen gemeint, sondern tatsächliche Standorte! Im „Brackel“ erscheinen die Bischofswerdaer Briefbeschwerer wiederum als Weißwasseraner (s. Flemming/Pommerencke), weitere fragliche Zuordnungen, häufig mit einem „vermutlich“ oder ähnlichem versehen, ergeben sich, wie für die übrige Literatur, aus dem bereits Gesagten. Die Provenienz „Schlesien“ deckt zur Not (und durchaus geschickt) zwar einiges ab, erfaßt aber weder Brandenburg noch weite Teile Sachsens. (S. dazu wiederum „Etwas Geographie“). Die Kombination „nachklasische Volkskunst“ ist problematisch und Bedarf einer Präzisierung bzw. Korrektur.
Die Mängel der besprochenen Publikationen sind – wie oben schon angedeutet – das Resultat der ausschließlichen Verwendung von Informationen aus „Hörensagen(lesen)“, d.h. des Fehlens gesicherter Daten, die für das geschundene Glas nur durch „Feldforschung“, d.h. Befragung von Zeitzeugen vor Ort erbracht werden können. Warum das so ist, wird im schon genannten Artikel „Zuordnungsprobleme“ erklärt.
(09.11.2011. Die angegebenen Artikel werden ggf. noch verlinkt.)

OSRAM-Reklame in Venedig. Die Glaskolben für die OSRAM-Glühbirnen kamen von 1920 bis 1945 aus Weißwasser in der Oberlausitz.
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