Die Geschichte einer Kugel/ Hommage an einen Glasmacher
Von Werner Holzhausen
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Viele Jahre liegt sie schon fast unbeachtet in der Wohnstube. Nur wenige erkennen ihren Zweck, und Staunen fordert nur ihr Produktionsdatum heraus. Sie ist eines der wenigen Inventarstücken, die im April 1945 die Plünderungen und Zerstörungen in dem kleinen Siedlungshaus zwischen den beiden Hauptkampflinien in der Nähe der Neiße überstanden haben.
Der Vater, ein gelernter Glasmacher, betrachtete sie manchmal gedankenversunken. In der folgenden Nacht träumte er schwer. Seine Schreie waren im ganzen Haus zu hören. Einmal, ich hatte sie zu Kugelstoßübungen im Garten mißbraucht, lüftete er ihr Geheimniß. Er erzählte von der schweren Arbeit der Mundglasmacher und den wenigen Freuden bei und nach der anstrengenden Arbeit.
1893 war er in Lugknitz in einem mit den Pferden gemeinsam genutzten Wohn-Stallgebäude der Raetsch-Hütte geboren. Er war eines von neun Kindern des Kutschers der Glasfabrikantenfamilie Raetsch. Mit 13 Jahren verdingte er sich in dieser Hütte, und als er 1913 zum Wehrdienst eingezogen wurde, leitete er bereits eine Werkstelle zur Herstellung von „Großzeug". Hier hatte auch unsere Kugel (Briefbeschwerer) ihren Ursprung. Um die Jahrhundertwende (19. zum 20. Jh.) zog die aufblühende Glasindustrie mit ihrem schnellen Wachstum Arbeitskräfte aus der näheren Umgebung, aber auch aus weit entfernten Gegenden Europas an. Hilfs- und Anlernkräfte kamen meist aus den wendisch-sprechenden Dörfern der Umgebung von Weißwasser und Muskau. Die erforderlichen Fachkräfte aus Böhmen, Ungarn, dem Elsaß, und dem Schwarz- und Bayrischen Wald.

Ein Böhmischer Glasmacher war es, der auf dem Weg nach Argentinien Station in Lugknitz
machte, um sich das Geld für die Überfahrt nach Buenos Aires zu verdienen. Er war ein
geschickter Glashandwerker, jung und voller Energie. Es kam, wie es so oft nicht geplant ist,
er verliebte sich in eine junge Weißnäherin aus Muskau. Sie, die Tochter eines Schuhmachers
und einer Schneiderin, war hübsch und kokett. Für sie, Walli Krüger, fertigte er als Andenken
den Briefbeschwerer mit den Initialen W K 1914. Als er, sein Ziel nicht aus den Augen
verlierend, nach Bremen aufbrach, ließ er auch einen lebenden Beweis seiner
Geschicklichkeit zurück. Dieser wurde ein kluger, sportlich talentierter junger Mann, den der
große Krieg verschlang. Walli blieb nicht lange allein. Der Glasmacher aus Raetsches
Kutscherfamilie hatte Gefallen an ihr gefunden. Sie gebar ihm im Kriegsjahr 1915 ein
Mädchen. Erst 1917, mitten im verlorenen Krieg, konnte geheiratet werden. Mit zwei kleinen
Kindern mußte W. K. noch ein langes Jahr warten, immer in Angst, den schwarz umrandeten
Brief zu erhalten. Der Glasmacher kehrte mit einigen Blessuren, jedoch arbeitsfähig aus dem
Völkermorden zurück. Die folgende Weltwirtschaftskrise beutelte die Glasindustrie mit all
ihren Begleiterscheinungen. Der Glasmacher wurde zeitweise arbeitslos und suchte sich eine
andere Beschäftigung.
Am 19. April 1928 wurde der Familie eine zweite Tochter geboren. Sie wuchs wohlbehütet auf und war der Liebling der Familie, besonders der ihres Vaters. Über all diese Jahre zierte der Briefbeschwerer den Glasteil der Vitrine in der guten Stube.
Neue Arbeit gab es in der Sallmann-Hütte, bei der Fertigung von Aquarien und Batteriekästen (mundgeblasen). Anschließend nach der Mobilmachung 1939 und kurzer Militärzeit wurde der Glasmacher u.a. (unabkömmlich) gestellt und fertigte jetzt in der OSRAM Arzneiglas und Spezialkolben. Der letzte Arbeitstag war der 15.04.1945. Dann holte ihn der „Heldenklau", und mit dem Volkssturm sollte er bei unsinnigen Kampfhandlungen im Raum Niesky die Armee Wenk verstärken. Seine Kenntnisse aus dem Weltkrieg Nr. 1 und sein gesunder Menschenverstand ließen ihn dem Heldentod entfliehen. Die Flucht führte ihn nach Tetschen/Bodenbach (heute CS). Auf dem Dachboden des dortigen Lazaretts verbrachte er viele Tage und Nächte. Von dort beobachtete er den Einmarsch der Siegermächte. Der Heimweg war abenteuerlich.
Als er am 25.05.1945 nach Hause heimkehrte, wurde er von dem russischen Ortskommandeur, nach einem Verhör, sofort als Schutzmann angestellt. (Richard war seit 1909 in der Glasarbeitergewerkschaft und nicht Mitglied der NSDAP).
Hier erfuhr er auch von dem tragischen Tod seiner Frau Walli (W K) und seiner geliebten Tochter. Genau an ihrem 17. Geburtstag waren sie einem russischen Fliegerangriff auf den Flüchtlingstreck bei Kiekebusch (Cottbus) zum Opfer gefallen. Sie sind in einem Massengrab beigesetzt.
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Sein Haus war geplündert und verdreckt, lag es doch wochenlang im Kampfgebiet zwischen den Fronten. In dem übrig gebliebenen Durcheinander lag auch der Briefbeschwerer. Ihn konnte offensichtlich niemand gebrauchen.
Nach sieben Dienstjahren mußte der ehemalige Glasmacher seinen Polizeidienst quittieren. Seine Glasmachervergangenheit hatte ihn eingeholt. Als sehr starker Raucher und durch das Formentreten hatte er venöse Beine, dazu kam Herzasthma, so daß er sich schlecht bewegen konnte. Er lernte in den letzten beiden Lebensjahren noch Schreibmaschine schreiben, und ich mußte ihm noch die Bruch- und Prozentrechnung beibringen.
Richard N. starb 64 ¾ jährig am Tag des Starts des ersten Sputniks. Ein Gehirnschlag setzte seinem Leben, mitten in der Stadt auf der Straße, ein Ende. Das ist fast fünfzig Jahre her. In all dieser Zeit hat die „Kugel" immer an exponierter Stelle in der Wohnstube gelegen. Nur wenige haben sich für sie und ihre Geschichte interessiert.
P.S. Von den fünf Brüdern des Richard N. gingen vier ebenfalls ins „Glas". Der jüngste arbeitete mehrere Jahre in Ungarn und brachte sich von dort seine Ehefrau und deren gesamte Familie mit. Von den heute lebenden Nachfahren ist keiner in der Glasindustrie beschäftigt.
(2004)
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