Bei der Glätterin
Von der Verwendung der Briefbeschwerer bei den Sorben - Eine Erzählung
Von Erich Krautz-Purschwitz

Eine wichtige Helferin unserer Frauen und Mädchen ist die Glätterin.
Was sie zu tun hat, erfahren wir jetzt.
Als ich sie besuchte, war Schierzes Großmutter in Sabrodt schon 76 Jahre alt. Sie wohnte in einem Häuschen ganz am Ende des Dorfes. Mancher würde sich fürchten, so ganz einsam zu wohnen, aber Schierzes Großmutter waren die Kiefern, die das Haus umgaben, gute Freunde, und wenn die Sonne so recht schön die Bank vor dem Haus wärmte, dann wiegten sie die Bäume wohl in süßen Schlummer. Viel Ruhe konnte sie sich freilich nicht gönnen, denn das Gärtchen, das im Schmucke vieler, vieler bunter Blumen stand, mußte fleißig bearbeitet sein. Und noch mehr warteten auf ihrer Hände Arbeit die Schürzen der sorbischen Frauen aus der ganzen Umgebung von Nardt bis nach Spreewitz und Neustadt, denn Frau Schierz ist eine Glätterin.
Ihr wollt wissen, was das ist. Sie hat es mir erzählt und mir auch gezeigt, was sie zu tun hat. Seht, die schönen Blaudruckschürzen der Hoyerswerdaer Tracht müssen hin und wieder auch gewaschen werden. Das macht wohl jede Frau, jedes Mädchen selbst, aber nachher muß auch jede Schürze wieder schön glatt und glänzend wie neu werden, und das besorgt die Glätterin. So wurden die Schürzen nach Sabrodt zur Frau Schierz gebracht. Was tat sie nun? Sie erzählt mir so: "Zuerst stecke ich die Schürzen ins Wasser und stärke sie. Wenn sie getrocknet sind, glätte ich sie. Sehen Sie, da habe ich eine Halbkugel aus Glas, ungefähr 8 cm Durchmesser. Die paßt gut in die Hand. Dann nehme ich ein Kuchenbrett – dabei nahm sie ein großes, viereckiges Brett und legte es auf die Diele. Die Schürze wird darauf gelegt, und nun muß ich mit der Kugel so lange auf der Schürze hin und herfahren, bis sie ordentlichen Glanz bekommen hat. Das ist eine anstrengende Arbeit und benötigt viel Kraft, aber ich tue es gern, denn ich bekomme ja auch etwas dafür, und unsere Frauen und Mädchen wollen ja in recht schmucker sorbischer Tracht gehen."
So erzählte mir die Greisin, und sie verriet mir auch, daß sie diese Arbeit schon seit mehr als 25 Jahren ausführte. Ich wünschte ihr, daß sie noch recht lange bei guter Gesundheit für unsere Frauen und Mädchen glätten möge!*
Die beiden zunächst abgebildeten "Glättsteine", wie die Briefbeschwerer ihrem Zweck entsprechend auch genannt wurden, befinden sich im Besitz der Familie Bornack in Neustadt an der Spree. Sie wurden von der Großmutter noch in den 1950er und 60er Jahren zum Glätten verwendet und sind davon deutlich gezeichnet. In dem zu einem kleinen Museum ausgebauten Dachgeschoß über dem Landgasthof "Sorbenscheune" ("Serbska brózen") werden sie den Gästen der Familie nicht nur gezeigt; auf Wunsch wird gern auch das Glätten damit demonstriert.
An dem unten abgebildeten, offenbar viel "mißbrauchten" Briefbeschwerer, der aus der Niederlausitz stammt, sind die Spuren des Glättens besonders deutlich zu sehen.
Einen echten Glätt-, "Gniddel-" oder "Gniedelstein" wie er überall auf der Welt verwendet worden sein könnte, zeigt das Bild ganz unten. (S. dazu auch den PCC-News-Artikel von Gerd Mattes.)



An 18th century glass paperweight? - Was es wirklich ist.
Text und Bilder: Gerd Mattes, Wien.
Übersetzung: Mag.Stephanie Mattes.
Mit großem Interesse habe ich in der PCC News Nummer 99 den Artikel von Alan Thornton gelesen, in dem er über den Fund eines vermeintlichen PW in Guyana/ Fort Nassau berichtet. Vermeintlich deshalb, weil mir auf Grund des Bildes sofort die wahre, ursprüngliche Nutzung klar war. Es handelt sich um einen sogenannten „rubbing stone“ aus „dark green glass“.
Ich bin mir mit der Zuordnung deshalb so sicher, weil wir, bevor wir mit dem Sammeln von paperweights begonnen haben, eine Sammlung von Bügelgeräten der verschiedensten Ausformungen und Nationalitäten aufgebaut haben. Unser besonderes Interesse galt herauszufinden, wie und womit das Problem des Glättens im Laufe der Geschichte, aber auch in verschiedenen Kulturen gelöst wurde.
So stießen wir zuerst in der entsprechenden Literatur und dann in natura auf die gläsernen Glättkugeln bzw. Glättkeulen. Als Glättkugel wurden auch manchmal einfache flache Kieselsteine benutzt. Eine nähere Erläuterung aus der einschlägigen Literatur gebe ich auszugsweise in der Fußnote wieder.**
Neben dem Glätten der Wäsche wurden diese Glasgegenstände auch zum geschmeidig machen von Leinengewebe aus Flachs verwendet. Als Beispiel dafür möchte ich einen solchen Gegenstand aus unserer Sammlung zeigen, der in Oberösterreich durch lange Zeit dafür verwendet wurde und dadurch die ursprüngliche runde Form verloren hat (Bild 1). Alle, die die Härte von Glas und die Struktur der Leinegewebes kennen, können abschätzen, wie viele Stunden mit diesem Gerät gearbeitet wurde.
Die im Bild 2 gezeigte Glättkugel hat mir ein Freund aus Schweden mitgebracht. Bild 3 zeigt eine Glättkeule mit Griff.
Eine genaue Altersbestimmung der im Artikel abgebildeten Glättkugel lässt sich leider nicht vornehmen, die zeitliche Zuordnung auf das 18. Jahrhundert liegt jedoch im Bereich der Möglichkeit. Vermutlich wird die im Artikel abgebildete Glättkugel auch einmal oder öfter als Briefbeschwerer benutz worden sein, aber sicher auch als Stopfpilz oder um Nüsse aufzuschlagen.
Zum Wert: Im Auktionskatalog Waltraud Boltz, Bayreuth, Auktion 1962. Mai. 87. „2000 Jahre Bügeleisenkultur Sammlung Loe Cherbach“ war der „realized price“ für Lot 2001 Glättkugel, Glasmasse perlmutfarben schimmernd, Holland (Bodenfund ) 18. Jh., Durchmesser 80 mm (umgerechnet) 140 Euro, und Lot 2002 Glättkugel, schwarze Glasmasse, norddeutsch, 17./18. Jh., Durchmesser 80 mm (umgerechnet) 80 Euro.
(24.11.2007/ 07.02.2012)


Weitere Artikel
über Briefbeschwerer aus der Lausitz
auf briefbeschwerer.kulturpixel.de
Anmerkung zum Artikel Krautz-Purschwitz
* Dzĕlajmy – spĕwajmy – pucujmy. "Serbske narodne drasty. Sorbische Volkstrachten." Napisal: E. Krawc-Poršicanski. Foto: K. Hajna/ B. Kucank. Macizna za dzelo z Mlodymi pionĕrami a šulerjemi. Decembr 1955. Priloha Serbskeje šulo co 1/56. (Behelfsmäßige Umschrift.)
(Erich Krautz-Purschwitz: „Sorbische Volkstrachten.“ In: Laßt uns arbeiten – singen – wandern. Material für die Arbeit mit den Jungpionieren und Schülern. Beilage zu Sorbische Schule Nr. 1/56. Bautzen: Verlag Volk und Wissen 1955; S.51.)
Anmerkung zum Artikel Mattes
** A. H. Glissman: The Evolution Of The Sad Iron. Houston, TX: MB Printing 1970; Chapter 2, Page 7 and 8 (Auszug):
„The Vikings./ They also show round rocks and glass and wood balls. Some have handles and some do not. They were called „gnidestein” which means rubbing stone./ It was custom of the Vikings to bury the favorite worktools of the housewife with her. Viking graves finds have revealed some of this irons. They have been found in Norway, Sweden, Denmark Czechoslovakia and Germany./ The black glass irons („gnidestein“ or rubbing stones as the name will carries through from the earlier period when stones were used) are believed to have exsisted in the history as well as prehistoric times, but, before the Viking period. (ca. 700–1000 A.D.), there is only literary knowledge. We know they were still being manufactured as late as 1783. The Aas Glass Works in Sandsvaer (1748–1764) priced the glass ball at four shillings each. In the 1783 catalogue of the Hurdal Glass Works they listed rubbing stones without handles at 48 shillings per 100 and with handles at 64 shillings per 100. This glass irons were used cold on damp material. Preasure was applied with both hands. The ironing surface was sometimes covered with calf skin./ See Fig 19. (Picture like mine.)/ The Black Glass irons are some of the oldest irons known to man. They have been found in Viking graves and in the peat bogs which date back to prehistoric times. When they are held to the light they show a deep green cast. The clear glass irons were made in later years and show a larger variation in shapes.
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