Herstellung der Millefiori-Briefbeschwerer
Anonym 1898
(Orthographie modernisiert)
„Ach Herr Sause, sie haben aber einen aparten Briefbeschwerer auf Ihrem Schreibtisch liegen.“
„Ja, das ist der erste Knödel, den meine Frau nach unserer Hochzeit gekocht hat.“
(Mitgeteilt von Annemarie und Gerd Mattes, Wien, am Tag der Arbeit 2010.)

In neuerer Zeit sieht man diese schweren, massiven Briefbeschwerer verschiedener Form und Größe sowie ähnliche Glasgegenstände mit eingeschlossenen, buntfarbigen Ornamenten, Blumen, Blättern, Blüten und regelmäßig angeordneten Luftblasen wohl seltener, vielmehr hat diese wilde und bunte Musterung aufgehört, und es werden mehr künstlerische und teurere Fabrikate hergestellt. Die Fabrikation dieser Gläser ist nicht besonders schwierig, verlangt aber immerhin eine ziemliche Geschicklichkeit und namentlich Schnelligkeit des Arbeiters. Im Nachstehenden wollen wir einige Herstellungsmethoden solcher Kunstgläser näher beschreiben.
Man benutzt für diese Zwecke die verschiedenartigen, in der Masse gefärbten, also massiven Farbengläser, entweder transparent oder opak, namentlich Rosa, Gelb, Blau, Grün, Schwarz, Weiß in den verschiedensten Abtönungen, ferner die schon aus diesen Gläsern hergestellten, farbig gemusterten Filigranglasstäbe, deren Fabrikation wohl allgemein bekannt ist. Verwendet man das Farbenglas in grobgestoßenem Zustand als wilden Blumenteppich, so sei bemerkt, daß die grellen Farben doch nicht zu stark vorstechen sollen. Zart gefärbte Abtönungen machen stets einen besseren Eindruck, sind ansprechender. Die rund oder eckig gedrehten und inwendig reich verzierten Millefioristäbchen werden je nach Bedarf in passende Stücke zerschnitten, auch wohl nach dem Weichwerden im Glasofen plattgedrückt und zu verschiedenen Blättern und Blumen zusammengesetzt.
Will man einen runden, an der Basis flachen Briefbeschwerer machen, so wird zuerst mit der Pfeife ein massives Külbchen Kristallglas aufgenommen und in der Motze zu einer länglichrunden Kugel gebildet. Will man nun Millefioristäbchen verwenden, so werden der Höhe des Külbchens angemessen zugeschnittene Stücke bereit gehalten, welche in vorgewärmtem Zustande in beliebiger Anzahl, jedoch in gleichweiten Abständen der Länge nach an das weiche Külbchen derart angepreßt werden, daß die Enden oben an der Spitze des Külbchens so ziemlich in einen Punkt zusammenlaufen, demnach, von oben betrachtet, einen vielstrahligen Stern bilden. Hierauf wird das Külbchen etwas angewärmt, dann wird jene Stelle, wo die Stäbchen zusammenlaufen, mit dem Zwickeisen gefaßt, etwas ausgezogen, und dieses ausgezogene Stück wird mit der Schere abgeschnitten. Dadurch werden alle Stäbchen in einem gemeinschaftlichen Mittelpunkt vereinigt. Man kann auch die Pfeife während des Ziehens mit dem Zwickeisen drehen, wodurch die Stäbchen in eine schräge Lage versetzt werden. Das nun derart vorbereitete Külbchen wird durch Eintauchen in farblose Glasmasse mit einer Glasschicht überzogen und in der Motze zu einer Kugel gerundet, worauf man jene mittlere Stelle oben, wo die Stäbchen zusammenlaufen, tief in das Külbchen einsticht und die dadurch entstandene Öffnung etwas trichterförmig erweitert. Überzieht man den Posten nochmals mit farblosem Glase und glättet ihn dann wieder in der Motze, so erscheinen die eingelegten Stäbchen, von einem gemeinschaftlichen Wurzelpunkte aufsteigend, rautenförmig oder schief gewunden, während sich in der Mitte durch das trichterförmige Eindrücken eine hohle, spiegelnde Perle gebildet hat. Gleichzeitig wird der runde Glasposten unten knapp an der Pfeife mittels des Zwickeisens derart eingeschnürt, daß die unteren Enden der Stäbchen ebenfalls in einem gemeinschaftlichen Punkt zusammenlaufen. Der Glasposten wird dann mit dem Hefteisen an der der Pfeife gegenüberliegenden Mittelstelle gefaßt und von der Pfeife abgetrennt. Die Sprengstelle wird sodann im Glasofen angewärmt und plattgedrückt. Während dieser Arbeit hat man auf der Marbelplatte eine Mischung von grobgestoßenen farbigen Glasbrocken vorbereitet, welche durch Aufdrücken der unteren abgeflachten Stelle des Glaspostens aufgenommen und angeschmolzen werden. Diese Prozedur kann man auch nach vorherigem Anwärmen nochmals wiederholen.
Man erhält auf diese Weise eine bunte Glasschicht, die so ziemlich einem wilden Blumenbeet gleicht, aus welchem die rautenförmig gewundene Stängelkrone herausragt. Um dem Ganzen ein noch reizvolleres Aussehen zu verleihen, werden in die farbige Bodenschicht nach gehörigem Vorwärmen mittels eines spitzen Eisens dicht neben einander Löcher von unterschiedlicher Tiefe und nach verschiedenen Richtungen eingestochen, wodurch Formen entstehen, welche man für Gräser verschiedener Färbung halten kann.
Diese wilde Dekoration der unteren Fläche, welche bei geschmackvoller Wahl der Farbengläser und geschickter Bearbeitung doch auch recht gelungene Arbeiten liefert, kann ferner durch ornamentale Dekoration, aus Stäbchen oder geschliffenen Glasplättchen verschiedner Farbe bestehend und zu Sternen, Rosetten oder geometrischen Mustern vereinigt, ersetzt werden. Man kann auch viele, in der Glaskurzware vorkommende, sogenannte Gablonzer Artikel, wie gepreßte Blümchen, Rosetten, Sterne, ja selbst mit Schmelzfarben dekorierte, kleine Glassachen für diese Zwecke verwerten und in den unteren, weichen Teil des Glaspostens einpressen. Das ornamentale Muster wird zuerst in genauer Größe auf ein Stückchen mit Pech oder anderem Klebemittel bestrichenes Kartonpapier symmetrisch angeordnet und befestigt, welche Arbeit auch auf Vorrat besorgt werden kann. Wird der Glasposten nach gehörigem Anwärmen dann an das Ornament angepreßt, so verbrennen Papier und Pech, während das Muster mit dem weichen Glasposten zusammenschmilzt.
Ist nun der untere Teil des Glaspostens auf die eine oder andere Art mit farbigen Glasbröckchen oder einem ornamentalen Muster versehen, so wird diese Schicht mit einer starken Lage farblosen Glases überzogen. Man erwärmt den Glasposten zu diesem Zweck im Glasofen, um die angeschmolzene farbige Musterung mit dem Plätteisen ebnen zu können und taucht hierauf ungefähr das untere Drittel des Postens in die flüssige Glasmasse, um die Farbschicht zu decken. Man kann jedoch auch mit einem frischen Hefteisen das nötige Quantum Glas aufnehmen und dieses auf den unteren, gemusterten Teil des Postens auflaufen lassen. In beiden Fällen wird dieser frische Glasüberzug durch Bearbeitung in der Motze und mit dem Plätteisen sowie durch wiederholtes Aufwärmen derart gerundet und geglättet, daß er mit dem Posten vollständig zusammenschmilzt. Das fast fertige Glasstück wird dann nochmals an der unteren, entgegengesetzten Seite an ein frisches Hefteisen geheftet, vom ersten Hefteisen abgetrennt und durch mehrmaliges Aufwärmen und Glätten in der Motze fertig und glatt gerundet.
Sollen die Gläser außer der farbigen Dekoration auch noch mehrere, gleichmäßig verteilte oder langgezogene Luftblasen enthalten, so wird zum ersten Posten statt des massiven ein hohles Külbchen gebildet, welches nach dem Aufblasen nahe der Pfeife durch Einschnürung mit dem Zwickeisen geschlossen werden muß, damit die Luft nicht entweichen kann, worauf man dessen runde Gestalt ziemlich flach drückt. Dieses abgeflachte, hohle Külbchen wird mit dem Zwickeisen durch Zusammendrücken der oberen und unteren Glaswand in eine beliebige Anzahl, 6-8 gleich große Hohlräume sternförmig zerteilt. Durch Überziehen des Külbchens mit frischer Glasmasse sowie entsprechendes Bearbeiten kann man den Luftblasen verschiedene Lage und auch Gestalt beibringen und dieselben auf verschiedene Art mit der farbigen Dekoration kombinieren. Auch kann man Luftblasen anderer Form auf die Art herstellen, daß man in ein massives Külbchen, dessen Inneres auch schon mit Farbenglasverzierung versehen sein kann, regelmäßig verteilte Löcher einsticht und diese konisch erweitert, worauf man den Posten durch Eintauchen in farblose Glasmasse mit frischer Glasschicht überzieht.
Die weitere Bearbeitung der Luftblasen ist sehr mannigfach, man kann sie in die Länge ziehen, runden, schraubenförmig winden, mit verschieden geformten und verzierten farbigen Glasstengeln belegen oder einfassen und alles wieder zu einem Külbchen vereinigen. Die verschiedenartigsten Kombinationen lassen sich mit Geschick und Geschmack ausführen, zum Schluß nimmt man immer farbige Glasmasse darüber und gibt dem Ganzen eine runde, ovale, abgeflachte oder spitzige Gestalt.
Wegen der massiven Beschaffenheit und Schwere verlangen die Briefbeschwerer eine besonders sorgfältige und langsame Kühlung. Die untere Fläche schleift man ab, mitunter wird aber auch die ganze runde Fläche kantig geschliffen.*

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Anmerkung
*Anonym: „Herstellung der Millefiori-Briefbeschwerer.“ In: Sprech-Saal. Organ der Porzellan- Glas- und Thonwaren-Industrie. [...] Jahrgang XXXI, Nr. 27. Coburg, den 7. Juli 1898; S. 829f.
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